Texte und Publikationen

‹New York City 2013› Zeichnungen und Fotografien
(deutsch/englisch) 150 Ex.
davon 50 numm. Ex. mit Originalzeichnung

Katalog-2012

Werkkatalog/Catalogue 2012
(deutsch/english) – CHF 20

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Texte und Zitate über Brigitta Gabban


Artikel

Künstlerische Möblierung der Welt

Artikel von Nana Pernod, Affolter Anzeiger 19. Juni 2015
(Ausstellung Galerie für Gegenwartskunst 2015).
(PDF herunterladen)
 


Christina Enderli-Fässler

«Crossing Borders»
Brigitta Gabban / Rosemary Rauber-Singleton

Mögen die Grenzen, an die du stösst, 
einen Weg für deine Träume offen lassen.

Altirischer Segenswunsch

Mit diesem Zitat sei gleich zu Beginn geklärt, dass es den Künstlerinnen. Rosemary Rauber und Brigitta Gabban nicht um Landesgrenzen, kulturelle Grenzen oder andere Ein- und Beschränkungen irgendwelcher Art geht, die in unserer Zeit so viel zu reden geben und leider auch zu Spannungen und Konflikten führen.

Was diese beiden Künstlerinnen verbindet und auch auszeichnet, ist ihre Bereitschaft und ihren Mut, Grenzen in ihrer Arbeit in Frage zu stellen, vertraute Bildsprachen immer wieder zu überdenken, künstlerisch Wagnisse einzugehen, ästhetisch  zu provozieren, mit ihren Werken auch Einblick in ihre persönlichen Befindlichkeiten und Werte zu gewähren.

Künstlerinnen und Künstler sind im weitesten Sinn Grenzgänger. 

Grenzgänger, die uns in unserer Wahrnehmung herausfordern, uns auf Dinge aufmerksam machen können und wollen ...

*

Brigitta Gabban ist in Zürich geboren, in Thalwil und im Tessin zuhause. Sie hat Kunst in Zürich und in San Francisco studiert und sich während vieler Jahre intensiv weitergebildet und befasst mit ostasiatischer Tuschmalerei.

Ihre Arbeit wurde dieses Jahr ganz besonders geprägt von einem Aufenthalt  im Atelier „Viera da Silva“ in Lissabon im April und Mai.

Bereits aus der Mailkorrespondenz mit der Künstlerin war gut spürbar und ersichtlich, wie sehr sie inspiriert wurde vom neuen Umfeld, vom Licht, den Begegnungen und der Zeit, in der sie sich ganz sich und ihrer Arbeit widmen konnte. Zitat: „Deine Arbeiten sind sehr schön haben eine etwas andere Qualität, eine Schlichtheit und Ruhe, Poesie und Berührendes... auch Verletzliches, du schreibst ja von den Verletzungen an den Kacheln... und doch natürlich deine Handschrift, deine Spontaneität und deine grosse Fertigkeit im Umgang mit Aquarell, Farbe, Fläche...“

Die Kunstpublikation „Lisboa“, herausgegeben von der Druckerei Wolfensberger, vermittelt einen Einblick in die Arbeiten von Brigitta Gabban entstanden in Lissabon.

Die Arbeiten, die hier im Rahmen dieser Ausstellung zu sehen sind, schliessen an diejenigen an, die in Lissabon entstanden sind.

Die Künstlerin sagte mir im Gespräch hierzu: Das Zusammenkommen von eigener Energie und aufgestauter Kreativität, so wie sie dies in Lissabon erlebt habe, hätte sie selber überrascht. Es sei, wie wenn etwas, auf das sie lange hin gearbeitet habe, nun einfach fliesse. 

Aquarelle sind spontane Arbeiten, nicht korrigierbar, die Pinselführung ist intuitiv, einfach „richtig“, basierend auf jahrelanger Arbeit. Umso mehr erfüllt es Brigitta Gabban mit Freude, in dieser Schaffensphase so arbeiten zu können.

Auszeiten, die immer wieder – ob kreativ tätig oder nicht – bereichern, sind verbunden mit dem Verlassen von Komfortzonen, mit der Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, sich nicht von Vertrautem „eingrenzen zu lassen“.

*

Rosemary Rauber stammt aus einem kleinen Ort in Missouri, studierte einige Jahre in New York und kam, wie sie selber einmal von sich sagte, als Familienfrau in ein Schweizer Dorf, in ein für sie komplett fremder Alltag.  

Ihr unvoreingenommenes Interesse an Menschen und ihre Offenheit und ihr Gespür für ihre Gegenüber zeichnen sie als multikulturelle Persönlichkeit und Künstlerin aus. 

Früher erstaunte es sie selbst, mit welcher Intuition sie die Persönlichkeit, den Lebensstil und die Werte von Menschen erkennen konnte. Heute mehr denn je ist dies ein wesentlicher Bestandteil und Stärke ihrer Arbeiten. Nebst der Porträtmalerei, teilweise auch mit Fokus auf besondere Themen, interessieren sie alltägliche Szenen in Strassen, Häuserschluchten, auf öffentlichen Plätzen, immer jedoch mit Menschen als zentrales Thema, den unterschiedlichen Charakteren, die sie mit wenig Mitteln, Körperhaltung, Farbe, gut spür- und erkennbar wiedergibt. Auch wenn viele Menschen zu sehen sind, hat jeder eine Persönlichkeit. Und dennoch findet die Künstlerin, haben die Menschen irgendwie in ihren Bedürfnissen und Eigenheiten doch überall auch viel Gemeinsames.

Arbeiten mit dem Titel „Calculated Risks“ von Rosemary Rauber waren in einer weiteren, grösseren Ausstellung in Den Haag dieses Jahr mit dem Titel „Hope Beyond Displacement“ im Rahmen eines FAWCO Projektes zu sehen. Hierzu hat die Künstlerin einen sehr interessanten und lesenswerten Text verfasst (www.artplace.ch). In diesem geht es ihr unter anderem um das Überschreiten und Überwinden von gedanklichen Grenzen: „If we understood just how similar we are despite home countries, skin color and religion maybe we would do a better job at helping those in need.“ RRS (Wenn wir verstehen würden, wie ähnlich wir uns sind ungeachtet unserer Heimatländer, Hautfarbe und Religion, könnten wird denen in Not besser helfen.)

Was können wir aus dieser vielfältigen Ausstellung mit Arbeiten zweier Künstlerinnen, die sich in ganz unterschiedlicher Art über Grenzen hinwegsetzen, mitnehmen?

Grenzen können auf vielfältige Weise begegnet und auch überwunden werden ... mit Respekt, Kreativität, Toleranz, Offenheit, Akzeptanz, Mut usw. ... 

Und ... irgendwie beginnen diese immer bei uns selber.

Du bist deine eigene Grenze,
erhebe dich darüber.

Hafis, persischer Lyriker um 1320-1388

Christina Enderli-Fässler (Galerie 111, 18.10.2018)


Christina Enderli-Fässler

Intuitive Schichtungen

„Nichts kommt ohne Interesse zustande.“ Dieses Zitat stammt vom deutschen Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770 – 1831).

Brigitta Gabban ist eine Künstlerin, die ihre Inspirationen in ihrem aktiven und facettenreichen Alltag findet. Sie ist an Vielem interessiert und verarbeitet Eindrücke mit einer ihr ganz eigenen Intuition, Offenheit, Toleranz, Lebensfreude und mit unterschiedlichsten künstlerischen Mitteln. Sie zeichnet, skizziert und malt permanent. Hält Erlebtes fest auf Papier, Bilderrollen, Postkarten, dem I-Pad, in Notizbüchern, in Bild-Tagebüchern.

In ihrem Atelier wie auch hier in der Ausstellung bei „Kunst im West“ überrascht der erste Eindruck der Werke mit eben dieser Vielfalt.
Der Betrachter ist konfrontiert mit einer Mischung von ruhig und eher schlicht bis opulent und beinahe märchenhaft und Vielschichtigem im eigentlichen Sinne des Wortes.
Auf der stetigen Suche nach neuen Ausdrucksformen verwendet Brigitta Gabban gerne auch neue Farben und Materialien. Schon dies bringt es mit sich, dass neue Arbeitsprozesse auch für die Künstlerin zu Entdeckungsreisen werden. Die neuesten hier gezeigten Arbeiten entstanden sowohl mit neuen Materialien, d.h. Buntlack aus dem Bau- und Hobby-Markt, wie auch mit  von der Künstlerin früher verwendetem Trägermaterial in Form vom Glas, Plexiglas und Leinwänden.

Für die kleineren Glasarbeiten entwickelte sie eine eigene Form von Drucktechnik: Sie trug die dickflüssigen Buntlacke auf zwei Leinwände auf, machte Abriebe davon mit dem Glas, wiederholte diesen Prozess viele Male. So entstanden – wie sie es nennt – Landschaften aus diversen Farbschichten in einer Art Hinterglasmalerei. Überraschend bei diesen ganz neuen Arbeiten ist – bei genauerem Hinschauen – wie sich diese fast nahtlos an ihre anderen und früheren Arbeiten anschliessen, ob I-Pad-Zeichnungen, Tusch-Werke, Malerei oder Collagen.  Ein künstlerischer roter Faden ist – trotz aller Unterschiedlichkeit – deutlich spürbar. Dies beruht auf der besonderen Stärke von Brigitta Gabban, sich völlig intuitiv in ihre Arbeit einzulassen, Dinge geschehen und Eindrücke einfliessen zu lassen.

Die Wiederverwendung von Material hat für die Künstlerin – wie sie sagt – einen doppelten Nutzen: Ihr Lager an Arbeiten wird nicht stetig vergrössert. Aber mehr noch, bereits bearbeitete Träger, in welcher Form auch immer, bringen eine Vorgeschichte und damit verbundene Energie mit sich. Im Gespräch vergleicht die Künstlerin dies mit dem Leben, welches ebenfalls aus vielen Schichten geformt wird.

Die Vorstellung oder das Bild der Schichtung ist auch gesellschaftlich relevant. Gesellschaftliche Schichten sind eng mit unserer Industriegesellschaft, mit Kultur, Bildung, Lebensstandard, und vielem mehr verbunden.
Brigitta Gabban beschäftigt dies. Sie machte kürzlich hierzu in einem Gespräch folgende Aussage: In ihrer Bildsprache gibt es keine Hierarchie. Natur, Mensch und Tier sind gleichwertig und gleich gestellt. Ihre Eindrücke und Sichtweisen hierzu verarbeitet sie in poetisch anmutenden Begegnungen von Kultur und Natur. Einander scheinbar fremde Dinge, Menschen, Tiere, Fabelwesen, Gebäude, Möbel, Fragmente, Natur, Zeiten, Räume verbinden sich, fliessen zusammen, fügen sich zu einem harmonischen, utopischen Miteinander. Diese collageartigen Arbeiten, scheinbar zufällig dekorativ,  oft mit einem etwas kontroversen Sujet oder Fragment versehen, vermitteln auch immer Hoffnung und Zuversicht auf ein vielfältiges, friedliches Miteinander.

Ein genaues Hinschauen lohnt sich allemal! Gabbans Tiere und Fabeltiere haben ab und an menschliche Züge und Menschen erinnern uns an das eine oder andere Tier. Aktuelle Ereignisse verarbeitet sie auf liebenswert humorvolle Weise. Als Beispiel sei hier die Arbeit „A star is born“ erwähnt: eine Hommage an Stanislas Wawrinka zu seinem Sieg am diesjährigen Australian Open.

Ein jüdisches Sprichwort besagt: Schon wegen der Neugier ist das Leben lebenswert. Kunst und Kultur leben zu einem grossen Teil auch von Neugier und Offenheit. Die Sammlerin und Mäzenin, Maja Hoffmann, hat kürzlich in einem Interview am Schweizer Fernsehen gesagt: Künstler sind die Philosophen, Poeten und Humoristen von heute.
Dem kann angefügt werden, dass Künstler auch Visionäre sind und oft sehr schnell auf Veränderungen jeglicher Art reagieren.

Poesie, Humor, Visionen, Veränderungen, stete Neugier, Intuition, das unbewusste und/oder bewusste Filtern und Zusammenführen von Wahrnehmungen und Eindrücken, Sinnlichkeit, Anregendes, Kontroverses und Hoffnungsvolles. All dies ist in vielfältigen Schichten und Bildformen in den Werken von Brigitta Gabban zu finden.                           


„Reiseheft“ New York 2013 von Brigitta GABBAN

Einführung von Christina Enderli-Fässler

Schon als Brigitta Gabban mir kurz nach ihrer Rückkehr ihre in New York entstandenen Arbeiten – Zeichnungen und Fotografien – zeigte, überzeugten mich diese in ihrer Dichte, Spontaneität und Leichtigkeit.
Jeder Ort hat seine Besonderheiten. Brigitta hat die Herausforderung von New York gesucht, wie dies schon viele Künstler vor ihr gemacht haben. Diese lebendige und vielfältige Stadt, die so inspirierend ist, ganz unabhängig davon, ob man sie mag oder nicht. Brigitta hat die unzähligen Eindrücke von New York auf sich einwirken lassen. Hat diese in ihrer ganz typischen Art mit Tusche intuitiv wiedergegeben. Sie hat auch fotografiert und – in einer ganz eigenen Technik –  I-Pad Zeichnungen gemacht.

Blättert man durch das heute im Zentrum stehende Reiseheft, so fasziniert die Vielfalt dieser Medien, die alle die gemeinsame Handschrift von Brigitta tragen. Diese Feststellung mag im ersten Moment banal tönen.
Lassen Sie mich hier etwas ausholen: Zeichnungen und I-Pad Zeichnungen von Brigitta sind spürbar aus ihrer Hand, es sind ja Zeichnungen. Spontan, spielerisch, intuitiv entstehen diese Arbeiten. Ihre Bildsprache ist unverkennbar: Menschen, Tiere, Fabelwesen, Ornamente, Raster, Strukturen. Abstraktion und Reales. Alles irgendwie miteinander verbunden und ineinander fliessend.
Fotos – auf der anderen Seite – wirken oft etwas unpersönlich, distanziert. Indem Brigitta ihre Eindrücke von New York in verschiedenster Form immer wieder aufnimmt, zeichnerisch mit Tusche, Bleistift, Filzstift und auch fotografisch, ist sie im Medium Fotografie genauso spürbar.

Zum Thema Sujet schreibt die Künstlerin in ihrem kurzen Text: „Die Dosen „cans“ aus meinem Küchenschrank, die Campbell’s Suppendose und die klassische „Heinz“-Ketchup Flasche faszinieren mich, wie zuvor unzählige Künstler vor mir aus der Pop-Art-Zeit.“
Künstler, die „vermeintlich“ bekannte Sujets wieder aufnehmen, beweisen damit manchmal mehr Mut, als diejenigen, die unablässig nach neuen Sujets suchen.
Wieso? Jedes Sujet, und erscheint es noch so bekannt, wird immer wieder von Künstlern in einen neuen Kontext gestellt. So entstehen andere Bezüge. Es entstehen Arbeiten mit diesen Sujets in neuen Medien, im Fall von Brigitta Gabban zum Beispiel als I-Pad-Zeichnungen. (Dazu nur eine kleine Bemerkung in Klammern: Warhol hätte an diesen Arbeiten seine helle Freude! Man braucht nicht einmal mehr eine „factory“, es reicht ein I-Pad!)
In diesem Zusammenhang erscheint die Thematik des kollektiven Gedächtnisses besonders interessant. Dieses bildet die Basis für viele Gemeinsamkeiten, Bilder, die uns vertraut scheinen, Déjà-vu-Momente. Dieses Gedächtnis nimmt mit Blick auf die kulturelle Vergangenheit Bezug auf die gegenwärtigen sozialen und kulturellen Verhältnisse und trägt – auch in der Kunst – zur Weitergabe oder Überlieferung von gemeinsamen Bildern bei. Die Campbell Suppen-Dose ist unserer Generation (Brigittas und meiner) noch sehr geläufig. Wie sieht dies aber aus mit unseren Kindern und Enkelkindern? Ein Grund mehr, gewisse Bild-Ikonen immer wieder aufzunehmen, ins Gedächtnis zu rufen. Viele solcher Sujets sind im New York Reiseheft von Brigitta Gabban zu finden. Besonders berührend in ihrer Schlichtheit sind auch persönliche Befindlichkeiten und Erlebnisse der Künstlerin in Form von Selbstporträts oder skizzenhaften Momentaufnahmen.
Lassen Sie sich ein auf die Bildreise nach New York mit Brigitta Gabban.

Das vom Team der Druckerei Wolfensberger und von der Künstlerin gemeinsam schön gestaltete, unprätentiöse Reiseheft lässt auch Raum für eigene Erinnerungen und Bilder.

(Buch-Vernissage Kulturlabor Thalwil, 15. November 2013)


Der runde Blick der Künstlerin Thalwil

In der Ausstellung «8800 ...unendlich» von Brigitta Gabban im Gemeindehaus Thalwil zeigt die Künstlerin ein vielseitiges Werk, das auch die iPad-Technologie berücksichtigt.

Michèle Combaz Thyssen

Wie unendlich ist Thalwil? Ein Augenschein im Gemeindehaus zeigt Thalwil aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Techniken dargestellt, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Die Künstlerin Brigitta Gabban hat alle Register gezogen, um ein vielseitiges Bild ihrer Wahlheimat zu zeichnen.

Bereits im Treppenhaus wehen den Besuchern Fahnen entgegen – mit Tusche auf Transparentpapier gezeichnet, scheinbar endlos lang. «Das ist das erste Mal, dass ich das ganze Bild betrachten kann», gesteht die Künstlerin. Sie habe es Stück für Stück gemalt – inspiriert von der ostasiatischen Tuschmalerei. Zwischen japanisch anmutenden Pflanzen und Bergkonturen taucht plötzlich ein comicartiger Kopf auf – ist es Tim, der in der Vase hockt im «Blauen Lotus»? Auch ein Katzenkopf und muntere Chilbi-Besucher auf dem «Piraten» sind bei genauerem Hinschauen erkennbar. Gabbans Fantasie scheint grenzenlos.

Momentaufnahmen via iPad

Das bestätigt sich angesichts ihrer iPad- Bilder, farbenfrohen Momentaufnahmen, verspielt und ernsthaft. «An dieser neuen Technik reizt mich die Unmittelbarkeit», erklärt die Künstlerin. «Ich kann unterwegs damit malen. Ich reise viel.» Immer wieder taucht das Unendlichkeitszeichen auf: im Halsband eines «komischen Vogels », in der Lockenpracht einer Dame. Die Eidechse mit Schwimmflügeli erinnert ans Tessin, der Leuchtturm an die Westküste Kaliforniens. Auf eine Hartschaumplatte gedruckt, willkürlich in Gruppen aufgehängt, passt alles zusammen. Ein Gefühl, das beim Betrachten entsteht, ist Fernweh.

Gabbans runde Ölbilder muten an wie Bullaugen – «der runde Blick aus meiner Umgebung», sagt sie. Ebenfalls passend zum See sind die Reproduktionen der Seebilder, für die Kulturtage 2009 gestaltet. Gabbans Vielseitigkeit zeigt sich auch anhand der «Denti della Vecchia», welche sie im Tessin zu verschiedenen Jahres- und Tageszeiten gemalt hat. Ihren Ausstellungskatalog ziert die «Tremola auf der Passerelle»: «Thalwil hat zwar eine Gotthardstrasse, aber keine Tremola », schmunzelt die Thalwilerin.

Postleitzahl 8800 inspirierte

Christine Enderli-Fässler, welche beim Gestalten der Ausstellung hilfreich war, erklärt das Konzept: «Die Postleitzahl von Thalwil besteht ja nicht nur aus zwei Achten, sondern auch aus zwei Nullen. Null ist die einzige reelle Zahl, die weder positiv noch negativ ist. Die Null kann alles oder nichts sein – etwas Unendliches und etwas sehr Offenes.» Offenheit ist auch bei den Ausstellungsbesuchern angesagt, und sie werden staunen – beispielsweise über den riesigen Kronleuchter aus Wabenkarton. «Das Material hat mich fasziniert », gesteht Gabban. «Es ist stabil und doch zerbrechlich.» Wie die Kunst an sich.


Das Bild zwischen dir und mir

Katalog

Werkkatalog/Catalogue
2012 (deutsch/english)
CHF 20

Eine rote Linie schmückt den Einband des vorliegenden Kataloges und wie der sprichwörtliche ‹rote Faden› schlängelt sie sich als künstlerisches Prinzip durch das verschiedene Medien und Techniken umfassende Werk der Künstlerin Brigitta Gabban. All ihr kreatives Tun entspringt der Linie, dem Akt des Zeichnens, während eine konzeptuelle Vorgehensweise die räumliche Umsetzung derselben bestimmt. Mit der Linie fängt sie die künstlerische Inspiration ein, tastet sich an sie heran, umfasst und bannt sie auf unterschiedliche zwei- und dreidimensionale Unterlagen.

Über die Passerelle, die zur Gotthardstrasse im heimatlichen Thalwil führt, zog Brigitta Gabban im Jahre 2011 massstabsgerecht in leuchtendem Rot die sich windende Linie des alten Saumweges an der Südflanke des Gotthardpasses, der über zahllose Haarnadelkurven die Tremola Schlucht hinaufführt. Die kleine gerade Brücke über die Bahngleise des Thalwiler Bahnhofes wurde zur Projektionsfläche für den beschwerlichen und zugleich beschaulichen Weg in die Höhe und bewog Passanten, so hofft man, zu einer Kontemplation über Lebenswege und –Ziele, liess sie vielleicht den Schritt zügeln, um sich inmitten des rasch dahinfliessenden Alltags einer sensibilisierten Wahrnehmung hinzugeben. Im gleichen Jahr inspirierte das Ausstellungsthema ‹Ausziehen› die Künstlerin dazu, die flüchtigen Kondensstreifen zu fotografieren, welche Flugzeuge am Himmel hinterlassen.

Das Konzept der Zeichnung liegt auch den Aquarellen und Gemälden von Brigitta Gabban zugrunde. Ihre Ölgemälde sind nicht traditionsgemäss aus unzähligen übereinander gelegten Farbschichten aufgebaut, sondern treten skizzenhaft in Erscheinung. Formen werden meist schwarz eingefasst und mit einem gut sichtbaren Pinselduktus und kräftigen Akzenten in einer fröhlich bunten Palette gefüllt und umspielt.

Auf eine längere Auseinandersetzung mit einer ungegenständlichen bis abstrakten Formensprache folgend, sind in den letzten Jahren immer mehr figurative Arbeiten entstanden, in denen Brigitta Gabban unvermittelt aus dem Unterbewussten auftauchende Bilder festhält. In ihren Gemälden arbeitet die Künstlerin jeweils in Serien, im Reigen derer, einem Dominoeffekt gleich, ein Bild meist assoziativ dem andern entwächst. Objekte wie eine Kinderschaukel, welche in ihrer Symbolik und Ästhetik die Aufmerksamkeit der Künstlerin auf sich gezogen haben, oder vieldeutige Grundformen werden wiederholt in Szene gesetzt: So mutieren Katzenaugen im nächsten Bild zu Froschlaich; ein Kinderball verdoppelt sich innerhalb einer Werkserie zu Mickey-Mouse-Ohren, türmt sich zu einem Berg aus Eiscremekugeln oder vervielfacht sich zu grossen Schneebällen, die auf eine grüne Wiese kullern.

Brigitta Gabban bedient sich in ihren aktuellen Gemälden einer stark vereinfachten visuellen Sprache, die sich auf minimal bestückte Bildinhalte beschränkt und in ihrer Ästhetik an Comics erinnert. Die formale und inhaltliche Reduktion dient wider Erwarten jedoch nicht einer vereinfachten Lesbarkeit des Dargestellten. Die in Nahsicht präsentierten Szenen, in denen niedliche hybride Tiere als Protagonisten agieren und menschliches Handeln imitieren, sind surreal und enthalten Elemente, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen oder in ihrer Kombination und Inszenierung realitätsfremd sind. Den BetrachterInnen ist es überlassen die Lücken zu füllen, Handlungen und die Kulisse zu deuten und diese humoristischen Fragmente in eine imaginierte Narration einzufügen.

Aus der Faszination Brigitta Gabbans für die kreativen Möglichkeiten einer Kombination von Tuschmalerei und dünnem Transparentpapier sind in den vergangenen Jahren poetische installative Arbeiten entsprungen. Auf die federleichten bemalten Schwebekörper und beschrifteten Kissen aus Transparentpapier von 2001 und 2002, folgte eine Rückbesinnung der Künstlerin auf ihre Anfänge in der ostasiatischen Tuschmalerei. Sie bemalt nun bis drei Meter lange Papierbahnen mit verträumten Fantasieszenen von tropischen Gärten, in denen sich Fabelwesen, Mensch und Tier friedlich tummeln.

Brigitta Gabban ist eine bemerkenswerte Künstlerin, die sich weder vom herkömmlichen Zwang nach einer inhaltlichen, stilistischen noch technischen Beständigkeit einengen oder bestimmen lässt. Indem sie sich auf die Richtigkeit der eigenen künstlerischen Intuition, auf den eigenen Formwillen verlässt, vermag sie authentische, miteinander vernetzte Werke zu schaffen, die immer wieder aufs Neue zu ästhetischen und inhaltlichen Entdeckungsreisen einladen.

Carlotta Graedel Matthäi M.A (2012)



Brigitta Gabban liebt die Verwandlung

Ausstellung Bonstetten 2009

Galerie Efli Bohrer, Bonstetten Oktober 2009

Die Arbeiten von Brigitta Gabban weisen etwas Doppelbödiges, Fantastisches auf, erinnern an Träume, aber auch an Elemente aus Comics oder versprayten Mauern. Und der Weg, den die Künstlerin einschlägt, um zu ihren Bildinhalten zu gelangen, ist weder einfach noch geradlinig, und eben dies verleiht den Arbeiten ihren hintergründigen Zauber. Zuweilen sind es Ausschnitte aus früheren Arbeiten, Formen, die neu interpretiert und kombiniert werden und gleichzeitig ihre «Vergangenheit» unterschwellig durchscheinen lassen.

Als «Lambdaprints» sind Arbeiten bezeichnet, die ausgehend von Collagen auf fotografischem Weg auf Aluplatten übertragen werden. Die glänzende Farbigkeit und das freie Formenspiel regen die Fantasie der Betrachtenden an und lesen sich wie eine Botschaft aus dem Reich der Imagination und des Unterbewusstseins.

Ganz anders die auf Baumwolle in Öl gemalten Bilder, die ruhiger, kontemplativer, aber gleichwohl auf eine spannende Art und Weise rätselhaft sind. «he» und «she» sind zwar als Porträts von Mann und Frau zu verstehen, gleichzeitig drücken die Bilder Möglichkeiten des Menschseins aus. So wie auch die Blumenbilder mehrheitlich als Ausdruck des Blühens oder Welkens an sich zu verstehen sind.
Eine Welt für sich bilden die Tiermotive der Künstlerin Brigitta Gabban. Auch sie sind nicht im eigentlichen Sinn zoologisch, auch wenn man Bären/Bärchen, Mäuse oder einzelne Attribute mancher Tiere wiedererkennt. Das Traumhafte, Geheimnisvolle und – ganz verborgen – auch Bedrohliche der Tierwelt gelangt bei längerem Betrachten zum Durchbruch.

Faszinierend in ihrer Wirkung sind die so genannten Lichtskulpturen mit Koi-Fischen als Motive, die durch ihre runde Form und die Illumination mittels Neonröhren einen Raum voller Unterwasser-Geheimnisse zu schaffen vermögen. Sozusagen ein menschliches Bestiarium bilden die Kleinskulpturen aus weisser Knetmasse, in denen sich die reiche Formensprache der Künstlerin dreidimensional manifestiert

Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern, 9.10.2009


GABI ROSENBERG

Ein künstlerisches »Multitasking«

Brigitta Gabban ist gleich auf mehreren Ebenen der Thalwiler Kultur aktiv: als Künstlerin, in der Betriebsgruppe der Thalwiler Hofkunst und als Präsidentin des Vereins Kultur Thalwil.

Sie sei ja schon fast »Multitasking« in Thalwil, meint Brigitta Gabban ironisch angesichts der Aufzählung ihrer Ämter an ihrem Wohnort. Die gebürtige Stadtzürcherin («ich bin eigentlich ein urbaner Mensch«) lebt hier seit 1983. »Es war reiner Zufall, wir suchten ein Haus, und es war das erste, das wir uns ansahen«, erinnert sich Brigitta Gabban. Dass sie und Ehemann Rainer Morscher es so lange aushielten an diesem Ort, mag auch an der zauberhaften Lage besagten Hauses inmitten des alten Dorfkerns, beim Katzenbrunnen, liegen. Dass Brigitta Gabban sich mehr und mehr vor Ort engagiert, hängt sicher mit ihrer persönlichen Entwicklung zur Künstlerin zusammen. »Und mit Urs Amstutz«, betont sie. Ihn kennt sie seit der Kreuz-Kunst-Quer-Aktion am Bahnhof Thalwil (1996), aus der dann die ThalwilerHofKunst entstand. Diese kleine Betriebsgruppe funktioniert völlig organisch und mit einem Minimum an Organisation oder Vereinsmeierei.

Der Schritt ins Präsidium eines neu aufzubauenden Vereins Kultur war für Gabban kein einfacher: »Ich hatte keine Ahnung vom Vereinsrecht und musste erst alles lernen. Aber genau diese Herausforderung reizte mich.«

Die ursprüngliche Idee einer Drehscheibe für alle Thalwiler Vereine hat sich zwar geändert in Richtung eigener Vernetzungsaktivitäten mit zwei Gefässen, dem monatlichen Stamm und den Kulturtagen. Die Hauptsache aber für Gabban ist: »Wir sind präsent in Thalwil.« Mit »wir« ist nicht nur der Verein, sondern die örtliche Kulturarbeit in ihrer ganzen Breite angesprochen. Mit der bildenden Kunst ist Gabban selbst erst seit der Mitte ihres Lebens verbunden.

Vom Schuh zur Kunst
Die Frau, die dahinter steckt, holte sich ihre erste Kunstausbildung im fernen Kalifornien. Brigitta Gabbans 40. Geburtstag war damals schon bedrohlich in die Nähe gerückt, aber was heute wie ein mutiger, verrückter Schritt aussieht, war keineswegs völlig unerwartet für die Tochter eines Zürcher Künstlers und Grafikers. »Gerade deshalb kam das zuerst gar nicht in Frage für mich«, erinnert sie sich heute. Auch der Bruder wurde Grafiker, aber bei ihr war Geldverdienen zuerst angesagt und das tüchtig und erfolgreich, in der Schuhbranche, anfangs als Angestellte, dann mit eigener Firma, Kollektionskoffer und etlichen Auslandsreisen.

Koffer gegen Kunst getauscht
Als ihr Rücken beim Kofferschleppen nicht mehr mitmachte, war eine Änderung angesagt. »Die Kunst holte mich ein, aus heiterem Himmel, aber gründlich. Ich wollte mein ganzes Leben umkrempeln.« Sie belegte Kurse an der Kunstgewerbeschule und absolvierte ein Jahr das Art Institute in San Francisco.

Vier weitere Jahre Studium an der Zürcher F+F-Schule für Kunst und Medien standen an, denn nach einem Jahr Kunst fühlte sie sich noch nirgends in dieser grossen, neuen Welt. Jahrelange Kurse in asiatischer Tuschmalerei bei der asiatischen Meisterin Kwangja Yang setzten schliesslich jene Akzente, die Gabban suchte. In Asien, wo sie schon durch das Schuhgeschäft viel herumgereist war, hatte sie sich immer für diese Leere und die Zwischenräume kennen. »Und zuzulassen... jeden Moment bei sich zu sein, das ist sehr meditativ, und es holte mich völlig ab!«

Viechereien
Dass Brigitta Gabban diese Erfahrungen in einer völlig ungewohnten, originellen Art umsetzt, zeigen die Arbeiten der heutigen Mittfünfzigerin, die inzwischen Mitglied des professionellen Künstlerverbandes Visarte wurde. Wir sind in ihrem Atelier in Zürich, wo sie kurz vor der Eröffnung der neuen Ausstellung ständig anzutreffen ist. Ein Haufen folienartiger Farbfotos liegt am Boden. Die Künstlerin hockt davor und schnippelt damit wilde figurative Elemente. Kunstrecycling im besten Sinne ist das, indem sie die mit viel Aufwand für andere Ausstellungen produzierten grossformatigen Fotos umfunktioniert in neue Bilder. Hier ein Viechlein, dort vegetabiles Geäst oder eine nie gesehene Blüte, alles wird locker verteilt und aufgeklebt, mit wenigen Zeichen- oder Malstrichen verbunden und entweder lackiert oder fotografiert und laminiert. Der Fotograf von nebenan, Albert Zimmermann, bei dem Gabban Untermieterin ist, besorgt dabei die vor dem Laminieren nötigen erstklassigen Fotos. Die glänzende Oberfläche sei wichtig, erklärt die Künstlerin: »Quasi als Versiegelung einer Gegenwelt, als Welt für sich.« Ihre Figuren, von denen es auch etliche pastos gemalte gibt, erinnern an Illustrationen. »Das sprudelt aus mir heraus – aus meiner ‹Festplatte›, aus meinem Fundus«, sagt Brigitta Gabban. Nachgedacht wird erst hinterher. Wenn sie dagegen etwas illustrieren wolle, käme ihr nichts in den Sinn, gibt Gabban lachend zu. Ihrer zeichnerischen Ader lässt sie regelmässig in kleinen Heften Lauf, von denen jedes für sich in seiner Einfachheit besticht. Daneben gibt es auch Dreidimensionales in Form von Lichtobjekten aus Transparentpapier. Eine Menge »helle Köpfe« warten auf ihre Schau in Fred Knechts Thalwiler Galerie im Mai. Drei Bodenobjekte aus Plexiglas mit transparenter Digitaldruck-Fotografie sind momentan in Zürich zu sehen. Ob Brigitta Gabban mit deren Designcharakter eine Zukunft in jener Richtung sieht? Die Geschäftsfrau Gabban lacht: »Wieso nicht?« – denn die Künstlerin Gabban weiss, dass man in ihrer Branche meistens nur drauflegt.

Thalwiler Anzeiger, 29. Januar 2008



KRISTINA PIWECKI

Ansprache anlässlich der Ausstellung Kunst im West, Zürich (2008)

Die Zürcher Künstlerin nutzt für ihre neuesten Arbeiten ihr beachtliches Repertoire an bildnerischen Ausdrucksformen für einen spannungsvollen Medienmix, der zu überraschenden Resultaten führt.
Grossformatige Fotos werden zerschnitten, auf Baumwolle appliziert, mit Acryl übermalt und mit einer transparenten, leicht glänzenden Verbundschicht versiegelt.
49 spielerisch-originelle Bilder im Format von 25 x 25 cm reihen sich in loser Folge nebeneinander und künden von einer fröhlichen Innovationslust, die von leichter Ironie intoniert wird.

Immer wieder entwickelt Brigitta Gabban neue Werkphasen, die ihr Kreativitätspotenzial neu aufmischen. Die Collagetechnik, bei der Einzelnes und Disparates zu einer neuen Komposition arrangiert werden, ist ein bevorzugtes Stilmittel der Künstlerin. Bei ihren grösseren Formaten hat sie zeichnerisch und malerisch ergänzte Fotocollagen als Lambdaprints auf Aluminium aufgezogen, die dem Betrachter einen fast tänzerischen Bewegungsrhythmus suggerieren, so leichtfüssig und assoziationsreich kommen diese Bildfindungen daher.
Der offensichtliche Verweis auf organische Blühendes und Wachsendes ist diesen Collagen eingeschrieben. Die Natur erfindet sich stets neu und Brigitta Gabban greift diesen Wandlungsprozess mit Verve auf und interpretiert ihn nach Massgaben ihrer schöpferischen Befindlichkeit. Es entstehen bizarre Gebilde mit figurativ-floralen Elementen, die sich wie zu zarten Traumgespinsten verweben. Von besonderem Reiz sind ihre Bodenskulpturen, die als bunte Leuchtkörper naturhafte Eindrücke vermitteln.

Ihr Arbeitsprozess ist von erfrischender Spontaneität und spielerischer Intuition. Es ist ein ganzheitliches Körperbewusstsein, das sie für ihre Kunst einsetzt und aus dem heraus sie ihre unverwechselbare Eigengesetzlichkeit für ihr Werk entwickelt.

Brigitta Gabban malt ausschliesslich auf dem Boden kniend und lässt sich von inneren Impulsen leiten. Eine jahrelange und intensive Auseinandersetzung mit der asiatischen Tuschmalerei hat sie dazu befähigt.
Im organischen Wechselspiel von Werden und Vergehen, Konstruktion und Dekonstruktion, oszilliert ihre Kunst ideenreich und voll ironischer Anspielung auf scheinbar Etabliertes.



STEFANIE DATHE

Fundstücke der Erinnerung

In Zeiten, in denen sich die Gegenwartskunst nur langsam aus ihrer Identitätskrise zu befreien vermag, verfolgt Brigitta Gabban mit persönlicher Konsequenz eine Rückbesinnung auf die Ursprünge des Künstlerischen. Als Wanderin zwischen den Ausdruckswelten unterwirft sie ihre Arbeit weder den aktuellen Modetrends noch dem Zwang avantgardistischer Medientechnologien. Ganz im Gegenteil: Aus dem Bedürfnis, das Authentische und Unwiederbringliche, das Zeichenhafte und Ahnungsvolle, das Unsichtbare und Assoziative im Hochglanzgetriebe der Konsumwelt nicht untergehen zu lassen, verfolgt sie eine betont sinnenorientierte Position. Eine Position, welche die vielgestaltige Faszination von Leben und Erleben, Vorstellung und Erinnerung zum thematischen Kern mit ganzheitlich angelegter Aussagekraft erklärt.

1.

Befreit von dem Anspruch etwas anderes darstellen zu müssen als sich selbst, zeigt die Malerei von Brigitta Gabban was sie ist und vermag. Das Eigenleben von Farbe und Form, Fläche und Strich entfaltet sich allein mit dem Material koloristischer Mittel, welche die Künstlerin als ein Instrumentarium von wohltemperierter Modulationsfülle einsetzt. Es sind Ausdruckswelten in reinen Grundfarbklängen, getrübten Pastellnuancen und zeichenhaft eingestreuten Schwarzakzenten, die sie je nach Bedürfnis mit Öllasuren oder -pasten in flächenfüllendem oder gestaltschaffendem Auftrag zu assoziativen Formen verknüpft. In ihren harmonischen und kontroversen In- und Aneinanderführungen halten sich die Farbzonen in einem spannungsvollen Gleichgewicht. Ihre Orchestrierung wagt schroffe Kontraste, um sich zugleich in sanft überfließenden Klängen zu organisieren.
Es ist ein intuitiver und konzentrierter Arbeitsprozeß, in dessen fortschreitender Entwicklung die Farbsedimente eine verletzlich hautige Oberflächentextur annehmen. Im geschlossenen Bildeindruck verliert sich die Chronologie der Arbeitsgänge, ohne jedoch den unmittelbaren Gestus der künstlerischen Handschrift zu verbannen: Sichtbar hinterläßt der Malvorgang, der sich unter Einsatz der ganzen Körperlichkeit vollzieht, die bewegten Spuren von tastender Findung und entschiedener Setzung.

Bei aller Farb- und Bewegungsdichte, die im einzelnen höchste Komplexität erreichen kann, erstaunt die Transparenz der Bildgefüge. Schwebende Leichtigkeit und stoffliches Formvolumen prägen die Erscheinungen. Brigitta Gabbans Malerei entwickelt eine schwer faßbare Räumlichkeit, die den Blick mit magischer Kraft hinter die Oberfläche lockt. Für den ahnungsvollen Betrachter eröffnen sich vor und in den seidigen Farbschleiern und opaken Schichtungen Ein- und Ansichten einer wuchernden Formenwelt voll rätselhafter Ursprünglichkeit und unergründlicher Herkunft. Selbstbewußt driften Linien- und Flächenbewegungen aus der vibrierenden Atmosphäre des Grundes an die Oberfläche, um sich in gegenseitiger Annäherung und anschwellender Formdifferenzierung zu umkreisen, zu berühren, zu bedrängen, zu ergänzen, zu bündeln, zu zerfließen und zu vernetzen. Ohne begriffliche Verbindlichkeit und gegenständlichen Zugriff stellen sich spontane Visionen von Synapsen, Körper- und Zellstrukturen ein. Situative Assoziationen und Gedanken an die Gestaltenvielfalt von Einzellern, Mikroorganismen und Insekten erscheinen, um sich zugleich als Fundstücke der Erinnerung und Skizzen aus der Wirklichkeit, aus der Welt tagtäglicher Sinneseindrücke zu formieren. 

2.

Brigitta Gabbans Malerei folgt ihren eigenen syntaktischen Gesetzmäßigkeiten. Unter Umgehung einer festgeschriebenen Lesrichtung widersetzt sie sich einem eindeutigen Entschlüsselungsmodus in der Absicht, Spannungen und Wechselbezüge zwischen den Farb- und Formideen auf die Bildflächen zu bannen. Auch in der Zeichnung bewährt sich diese unverwechselbar offene Bildsprache, die sich in Gegensätzen artikuliert und zwischen zeichnerischer Enthüllung, assoziativer Verschleierung, räumlicher Verortung und malerischer Auflösung laviert.

Das Zeichnen geschieht mit Tusche auf Transparentpapier. Eindrucksvolle Groß- und intime Kleinformate bilden hier den Resonanzboden und die Bühne für den Auftritt intuitiver Rhythmen und figürlicher Formsetzungen. Immer stehen sie an der Schwelle von der Wiedergabe äußerer Realitäten zur seismographischen Auslotung innerer Befindlichkeiten. Die Linie, primäres Medium und unumgängliche Realität, arbeitet sich zielstrebig vor. Sie schwillt an, magert ab, schwingt, hüpft, rauscht, fließt und sucht sich ihren Weg, einen Ort, ein Ziel oder einen Ausgang. Jede Spur gräbt sich unauslöschlich ein in die zarte Verletzlichkeit des farblos durchscheinenden Untergrunds, der sich vor der Kraft des feuchten Tuschestrichs beugt und zusammenzieht.

Schwerelos, wie Mahnmale ohne räumliche Ortung treiben die Zeichen über die Blattflächen und ihre Grenzen hinaus. Phänomene auf der Durchreise, Figurationen im Übergang Abstraktion, eine ganze Menagerie von Zwei-, Drei- oder Vierbeinern wächst und hängt, steht, fällt und verirrt sich in
den Fokus der Bildausschnitte. Brigitta Gabban sammelt in ihren Tuschzeichnungen Gegenstandszitate und schematisierte Kürzel einer erfahrenen, gedachten und verinnerlichten Wirklichkeit. Die sparsam umrissenen Formen nehmen die Farbigkeit des Bildgrundes an und ihre Körper gewinnen Substanz aus dessen Stofflichkeit, um erst in der Konzentration von zarten Linien und wuchtigen Flächen sesshaft zu werden. Das Formenvokabular befragt das Verhältnis von Gegenstand und Ungegenstand. Es spielt mit der Irritation unserer Seherfahrung. Jeder Versuch in den exponierten Piktogrammen zu lesen, führt zu Zweifeln an ihrer Bedeutung. Die Bildchiffren, die so ursprünglich gesetzt und einfach gefunden erscheinen, werden mit jeder neuen Annäherung immer unfaßbarer, so unfaßbar wie die Erinnerung, aus der Brigitta Gabbans zeichnende Hand die Fabelwesen ihrer Blätter schöpft.

3.

Ihr Werk verwehrt sich intellektueller Perfektion und konzeptioneller Systematik, um sich ganz auf die Situation des Augenblicks und eine prozeßhafte Kreativität zu konzentrieren. Mit experimenteller Kraft verfolgt Brigitta Gabban den Leitgedanken ihrer Kunst, der mit vielfältigen Brechungen um die Begriffe der Mneme und der Metamorphose kreist. Im Dienst einer Untersuchung von Gestaltwandel und Eindrucksbewahrung steht die serielle Arbeitsweise. Brigitta Gabban nutzt die Methoden der Anverwandlung, Variation und Paraphrase, um nicht nur zu eigenen Bildern, sondern auch zu skulpturalen und installativen Äußerungen zu gelangen.

Die ästhetische und haptische Faszination im Umgang mit dem Werkstoff Papier zeichnet verantwortlich für die immer neue Entwicklung von Bodenskulpturen, die als zeichnerische Abwicklungen von mehreren 100 Metern, monumentale Einzelobjekte oder flächendeckende Populationen ganze Räume besetzen. Das Transparentpapier mutiert vom zweidimensionalen Bildträger zur autonomen plastischen Form. Aufgebläht zu einem maskenhaft stereotypen Têtê-à-tête oder einem raumgreifenden Boot entfalten die Zellstoffmembranen jene ungeahnt körperliche Kraft, welche mit verführerischer Unnahbarkeit die Fragilität und Leichtigkeit des Materials konterkariert.

Nichts hat dauerhaft Bestand, alles ist im Fluss und entzieht sich dem Versuch eines endgültigen Begreifens. Die Kunst von Brigitta Gabban siedelt auf der Seite der erinnernden Anschauung und lebt aus dem Impetus innerer und äußerer Bewegung. My Pillow nennt sich eine Installation, die die Künstlerin aus alten Kissenbezügen und Leuchtmitteln für eine Ausstellung in den Räumen eines abbruchreifen Hotels ihrer Wohngemeinde Thalwil entwickelt hat. Die Kissenhüllen aus den Gästezimmern jenes Traditionshauses hat Brigitta Gabban mit Text- und Gedankenbruchstücken, fiktiven Herkunfts- und Tagtraumnotizen versehen und als scheinbar zufälliges Schwemmgut auf dem Boden verteilt. Empfindungsmomente zwischen intimer Poesie und gedämpfter Melancholie, zwischen der Leichtigkeit des Seins und ihrer unausweichlichen Vergänglichkeit stellen sich ein angesichts der biographischen Erinnerungsfetzen an Generationen imaginärer Hotelbesucher.

Es ist eine Ausdruckskunst, die sich zwischen entgegengesetzten Polen, zwischen den Spuren einer empirischen Wirklichkeit und ihrer gestisch überzeichneten Reduktion entfaltet. Trotz aller Titel, die aus der Intuition geboren noch so erzählerisch nach Papageno und Satchmo, Sushi und Big Apple, Bagdad und Willisau, So what? und Why not? fragen, bleibt Brigitta Gabbans Kunst eine Vorstellungs- und Augenkunst zugleich. Im Dienste eines inhaltlich sinnstiftenden Gesamtanspruchs stehen Malerei, Zeichnung und Rauminstallation in wechselseitiger Ergänzung nebeneinander. Es geht um den individuellen Ausdruck eines sinnlich aufgenommenen und künstlerisch gestalteten Lebenszusammenhangs, der sich in einem nicht enden wollenden Repertoire tagebuchartig auf- und eingefangener Erinnerungsfundstücke den Phänomenen von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit annähert.

Text im Katalog BRIGITTA GABBAN (2005)



BETTINA BORSANI

Von Schuhen zur Kunst

Max ist der Titel des ersten Ölbildes, das ich von Brigitta erstanden habe. In der Zwischenzeit erhielt Max noch zwei weitere Kollegen: Blues und Yellow Darling. Denn schon beim ersten Anblick von Brigittas Werk erkannte ich sofort: diese Bilder hat ein Profi gemalt! Doch wie ist es möglich, dass eine Künstlerin, deren technische Reife so ausgeprägt ist, erst seit zehn Jahren malt, formt und gestaltet? Mein Erstaunen legt sich ein wenig, als mir Brigitta zwei Erlebnisse erzählt, die zeigen, dass ihr das gestalterische Talent in die Wiege gelegt wurde. Mit elf Jahren nahm Brigitta an einem internationalen Mal-Wettbewerb der UNICEF teil. Die Fachjury zeichnete Brigittas Werk mit einer bronzenen Medaille aus. Und an einer kürzlichen Klassenzusammenkunft wird sie mit den Worten begrüsst: »Du bist doch jene, welche so gut zeichnen konnte!« Brigitta selbst empfand als Kind ihre Begabung nicht als solche, sah sie doch in ihrem Bruder und Vater eine nie erreichbare Konkurrenz. Beide waren Absolventen der damaligen Kunstgewerbeschule und wurden später Grafiker. Der Vater malte außerdem vor allem nach der Pensionierung intensiv und mit lokalem Erfolg.

So dauerte es noch beinahe drei Jahrzehnte, bis Brigitta ihr künstlerisches Potential entfalten konnte. Denn vorerst schlägt Brigitta einen anderen Weg ein. Nach dem Besuch der Grundschule und der Handelsmittelschule in Zürich, zieht Brigitta ins Ausland. Sie lernt Sprachen in London, Paris und Perugia. Ihre erste Karriere beginnt mit einem Job als Sekretärin in einer Schuhimport-Firma. Nach einem Stellenwechsel innerhalb der Branche wird sie Mitglied der Geschäftsleitung. 1981 gründet Brigitta ihre eigene Firma: sie vertreibt Schuhe aus dem Fernen Osten in der Schweiz und in Österreich. Während beinahe zehn Jahren bereist Brigitta in ihrer Funktion als Geschäftsfrau die Welt: China, Hongkong, Taiwan, Holland, Italien, Deutschland gehören zu ihrem Aktionsradius. Und dennoch soll diese Erfolgsgeschichte ein unerwartetes Ende nehmen.

Der Kunstvirus führt aus der Krise
Das Schleppen der schweren Kollektions-Koffer führte zu gesundheitlichen Schäden, ein kaputter Rücken und der Wunsch nach Veränderung zwingt Brigitta sich Zeit zu nehmen, um über das Leben nachzudenken. Ein Jahr vor ihrem vierzigsten Geburtstag, besucht sie Kurse in Malerei an der Höheren Fachschule für Gestaltung und Kunst in Zürich. 1991 packt sie erneut ihre Koffer, doch nun sind diese gefüllt mit Pinsel und Farbe: Brigitta sucht Distanz und will ein Jahr am renommierten Art Institute in San Francisco studieren. Sie belegt die Studienfächer Malerei, Fotografie und Drucktechniken. In Amerika wird sie unwiderruflich vom Kunstvirus infiziert – jetzt ist Brigitta überzeugt, ihre wahre Berufung gefunden zu haben. Zurück in Zürich schreibt sie sich in der F+F Schule für Kunst und Mediendesign ein und schliesst diese 1995 ab.

Brigitta experimentiert mit verschiedenen Materialien und Techniken. Sie malt, wobei sie die klassische Technik, Öl auf Baumwolle bevorzugt; sie zeichnet, fotografiert und macht Skulpturen aus Transparentpapier. Die Tuschzeichnungen entstehen aus ihrer Vorliebe zur fernöstlichen Kultur und den jahrelangen Kursbesuchen bei der koreanischen Meisterin Kwang-Ja Yang. Das Transparentpapier wird ihr Lieblings-material. Es ist Metapher für Verletzlichkeit, Fragilität und Vergänglichkeit. Auf diesem Papier zeichnet und malt sie oder arbeitet dreidimensional. Es entstehen My Pillow, ein Boot und tête-à-tête, Bestandteile von Installationen für diverse Ausstellungen. In ihrer neusten Arbeit Fabrikschau zeigt Brigitta Gabban grossformatige Fotografien als Digitaldruck auf Transparentfolie.

Nach wenigen Jahren des Experimentierens sind ihre Arbeiten so weit ausgereift, dass Brigitta von der Galerie für Gegenwartskunst in Bonstetten aufgenommen wird. 1996 beginnt das künstlerische und kuratorische Engagement Brigittas an ihrem Wohnort: Für die ThalwilerHofKunst entwirft und organisiert sie Ausstellungen und Grossanlässe.
Ihre konzeptionellen Arbeiten für den Kunstevent KreuzKunstQuer werden zum Ortsgespräch: So schiesst sie etwa mit Pfeilen auf den Ortsplan von Thalwil. Ihre Ziele sind Häuser. Sie fotografiert deren Bewohner pro Wohneinheit samt Haustieren und zeigt die Menschen sich neu begegnend in einer Diashow Wohnort Thalwil.

1997 bezieht Brigitta ihr Atelier im Zürcher Seefeld, oft zieht sie sich aber auch ins Tessin zurück, wo sie in einem umgebauten Stall im Val Colla in Ruhe arbeiten kann. In den letzten Jahren waren Brigittas Arbeiten in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen. Im Jahr 2006 wird ihre erste Einzelausstellung in den USA, in Tulsa, Oklahoma, zu sehen sein.

Und nun, nach zehn Jahren als bildende Künstlerin, zieht dieses Buch Zwischenbilanz und ist gleichzeitig ein weiterer wichtiger Entwicklungsschritt in der Biografie dieser Künstlerin. Beeindruckt von Brigittas Erfolgsgeschichte brennt mir dennoch eine Frage auf der Zunge: Wird sie den künstlerischen Weg ebenso verlassen wie den kaufmännischen? Brigitta schüttelt energisch den Kopf: »Künstlerin bin ich für den Rest des Lebens«, davon ist sie überzeugt – und ich bin ihr für diese Antwort dankbar.

Text im Katalog BRIGITTA GABBAN (2005)



Aus Pressestimmen

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